KOMAGIRL: Eine tägliche Serie

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Man erfährt so einiges, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört …

Vorwort

Seit ich mich erinnern kann, leide ich unter Schlaflosigkeit. Ich war schon immer eine Nachteule und ein Morgenmensch, komme aus mit fünf, vielleicht sechs Stunden zusammengewürfeltem Schlaf zwischen Anfällen von Rastlosigkeit. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich es mein ganzes Leben lang irgendwie gehasst habe, schlafen zu müssen. Ich schätze, auf irgendeiner unbewussten Ebene hatte ich wohl Angst, dass ich etwas Wichtiges oder Aufregendes oder Unwiederbringliches verpassen könnte. Was meine derzeitige Zwickmühle umso ironischer macht.

Ich befinde mich in einem tiefen vegetativen Zustand … besser bekannt als Koma.

Andere Leute bezeichnen meine Situation als „traurig“, „herzzerreißend“, … sogar „tragisch“. Ich finde all die Aufmerksamkeit eher seltsam, wenn ich darüber nachdenke, dass ich, bevor ich in Bett 3 der Langzeitpflegestation des Brady Hospitals in Atlanta, Georgia, gelandet bin, das Mädchen war, dem niemand viel Beachtung geschenkt hat. Ich war das mittlere Kind – mittelhübsch, mittelschlau, mittelerfolgreich mit einer mittelmäßigen Persönlichkeit in einem mittelmäßigen Job bei einer mittelmäßigen Firma. Mein Name ist Marigold Kemp, aber dieser Tage werde ich meistens Komagirl genannt. Offenbar habe ich sowas wie eine Fangemeinde. Ich bin ein Trend in den sozialen Medien. Ich habe meinen eigenen Hashtag.

Da es so aussieht, dass ich eine Weile hierbleiben werde, dachte ich, ich könnte auch gleich anfangen, meine Geschichte zu erzählen; es hat ein paar Drehungen und Wendungen gegeben, was die Art und Weise betrifft, wie ich hier hergekommen bin, und es kommen zweifellos noch ein paar. Die Liste der Vorteile davon, im Koma zu liegen, ist ziemlich verdammt kurz, aber wenn ich sagen müsste, was das Beste daran ist, dann, dass man viel erfahren kann, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört. Ich bin als Horcherin nicht zu übertreffen, und Kumpel, sollte ich je aufwachen, dann werde ich in einem Buch so richtig auspacken.

In der Zwischenzeit erzähle ich es schon mal dir.


Die tägliche Serie Komagirl läuft vom 1. Juli bis 31.Dezember.  Die täglichen Episoden nur für 24 Stunden verfügbar also Merker setzen auf Deinem Handy, Computer oder Memo-board um täglich kostenlos bei Komagirl auf dem Laufenden zu bleiben.


Mittwoch, 22. November

Zweiundzwanzigtausendsiebenhundertdreizehn … zweiundzwanzigtausendsiebenhundertvierzehn …

Die Tür öffnete sich, und ich brauchte eine Minute, um festzustellen, dass meine Mom hereingekommen war, denn sie sprach nicht am Telefon oder ging schnell oder nuckelte an der Tasse Kaffee, die zu ihrem Power-Accessoire geworden war.

„Hallo, Marigold.“

Sie klingt wehmütig und müde und ein wenig betrunken. Ich rieche den schwachen Geruch des Rotweins, den sie bei Trader Joe’s kauft, und das bedeutet, sie ist von Zuhause hierher gefahren. Ohne meinen Dad. Die Tatsache, dass sie sich auf dem Gästestuhl niedergelassen hat, den Audrey letzte Nacht für ihren Selbstmordversuch benutzt hat, ohne auf einen Ersatz zu bestehen, sagt mir, dass sie auf einer Mission ist. Ihre verhaltene Stimmung zeigt mir, dass sie mir etwas erzählen will, und mein erster Gedanke ist, was die Ärzte darüber gesagt haben, mich bis Ende des Monats am Leben zu erhalten, was rasant näher kommt. Wird sie mir sagen, dass ich sterbe?

„Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst“, begann sie, „aber die Ärzte sagen, ich soll so reden, als könntest du. Ich muss dir etwas erzählen, und obwohl das wahrscheinlich nicht der beste Zeitpunkt ist, ich will es dir sagen, bevor ich den Mut verliere.“

Okay, jetzt mache ich mir Sorgen.

„Bevor du geboren wurdest, hatten dein Vater und ich einige Probleme – hauptsächlich Geldprobleme, aber auch andere Sachen.“

Ungefähr zu der Zeit, als Dad fünfundzwanzig Riesen aus dem Safe nahm, um seine Spielschulden zu bezahlen, und das fehlende Geld auf einen Einbruch schob.

„Jedenfalls, wie ich schon sagte, wir hatten ein paar Probleme und … da war dieser Mann, den ich kennengelernt hatte … und mochte.“

Meine Gedanken springen wie wild durch die Gegend, und mir gefällt nicht, wo sie landen.

„Wir hatten eine Affäre.“

Heiliger Keuschheitsgürtel – meine Mutter hatte eine Affäre? Ich glaube nicht länger daran, dass die Welt rund ist, und diese ganze Sache mit der Erdanziehung schmeiße ich auch zum Fenster raus.

„Und ich wurde schwanger.“

Moment mal – das wäre ja dann ich.

„Kurz darauf ist der Mann umgekommen, bei einem tragischen Achterbahnunfall.“

Was? Wie schrecklich. Und … schräg.

„Dein Vater hat nie von dem anderen Mann erfahren, und so würde ich es auch gerne lassen.“ Sie seufzte. „Aber wenn ich auf deine Kindheit zurückblicke, Marigold, wird mir klar, dass ich meine Schuldgefühle vielleicht an dir ausgelassen habe, und das war falsch.“

Also, diese schwer zu greifenden Gefühle, die ich hatte, als ich klein war, dass ich im Zentrum der Unzufriedenheit meiner Familie stand, waren berechtigt. Ich fühlte mich wie der Außenseiter, weil ich der Außenseiter war.

„Ich will, dass du weißt, dass ich dich immer genauso sehr geliebt habe wie Alex und Sidney – vielleicht mehr, weil du mich an ihn erinnerst. Er war ein unabhängiger Denker und ging immer seinen eigenen Weg, und du tust das auch. Und wenn ich dir je das Gefühl gegeben habe, dass du weniger wert bist als Alex oder Sidney, dann tut mir das so leid. Du solltest dich nie jemandem gegenüber minderwertig fühlen. Du bist so einzigartig und besonders wie der Name, den ich dir gegeben habe, und ich …“ Ihre Stimme brach. „Ich liebe dich so sehr.“

Ich weiß nicht, was ich denken soll – oder fühlen. Ich staune nur über ihre Enthüllungen und versuche, sie sacken zu lassen.

Mom klang beklommen. „Ich wünschte, du könntest mit mir sprechen. Ich wünschte, ich wüsste, was du gerade denkst. Wenn du mich hören kannst, will ich, dass du daran denkst, wie vernarrt dein Vater in dich ist und wie sehr er dich liebt. Robert wäre so verletzt, wenn er glauben würde, dass du ihn nicht als deinen Vater ansiehst.“

Natürlich ist er mein Vater. Dad ist … Dad.

„Robert ist so ein lieber Mann.“ Sie weinte wieder. „Ich war nicht fair zu ihm. Ich habe ihn die ganzen Jahre über beschuldigt, distanziert zu sein und mich in die Arme eines anderen Mannes getrieben zu haben, aber ich habe diese Entscheidung getroffen. Ich werde die Dinge zuhause besser machen, für uns alle, dein Baby mit eingeschlossen.“

Ein Gewicht wurde von meiner Seele gewälzt, denn ich habe mich in letzter Zeit gefühlt, als wäre ich der letzte Tropfen, der die Ehe meiner Eltern zum Überlaufen bringt, wo doch in Wirklichkeit beide zerstörerische Geheimnisse hatten, die an ihrer Beziehung nagten. Vielleicht konnte nun alles besser werden.

Aber da wäre noch immer Sidney, mit der wir fertig werden müssen.

Und ich bin gefühlsmäßig so gespalten, was all das Geschehene anbelangt, ich weiß einfach nicht, wie all das ausgehen soll.

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