KOMAGIRL: Eine tägliche Serie

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Man erfährt so einiges, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört …

Vorwort

Seit ich mich erinnern kann, leide ich unter Schlaflosigkeit. Ich war schon immer eine Nachteule und ein Morgenmensch, komme aus mit fünf, vielleicht sechs Stunden zusammengewürfeltem Schlaf zwischen Anfällen von Rastlosigkeit. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich es mein ganzes Leben lang irgendwie gehasst habe, schlafen zu müssen. Ich schätze, auf irgendeiner unbewussten Ebene hatte ich wohl Angst, dass ich etwas Wichtiges oder Aufregendes oder Unwiederbringliches verpassen könnte. Was meine derzeitige Zwickmühle umso ironischer macht.

Ich befinde mich in einem tiefen vegetativen Zustand … besser bekannt als Koma.

Andere Leute bezeichnen meine Situation als „traurig“, „herzzerreißend“, … sogar „tragisch“. Ich finde all die Aufmerksamkeit eher seltsam, wenn ich darüber nachdenke, dass ich, bevor ich in Bett 3 der Langzeitpflegestation des Brady Hospitals in Atlanta, Georgia, gelandet bin, das Mädchen war, dem niemand viel Beachtung geschenkt hat. Ich war das mittlere Kind – mittelhübsch, mittelschlau, mittelerfolgreich mit einer mittelmäßigen Persönlichkeit in einem mittelmäßigen Job bei einer mittelmäßigen Firma. Mein Name ist Marigold Kemp, aber dieser Tage werde ich meistens Komagirl genannt. Offenbar habe ich sowas wie eine Fangemeinde. Ich bin ein Trend in den sozialen Medien. Ich habe meinen eigenen Hashtag.

Da es so aussieht, dass ich eine Weile hierbleiben werde, dachte ich, ich könnte auch gleich anfangen, meine Geschichte zu erzählen; es hat ein paar Drehungen und Wendungen gegeben, was die Art und Weise betrifft, wie ich hier hergekommen bin, und es kommen zweifellos noch ein paar. Die Liste der Vorteile davon, im Koma zu liegen, ist ziemlich verdammt kurz, aber wenn ich sagen müsste, was das Beste daran ist, dann, dass man viel erfahren kann, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört. Ich bin als Horcherin nicht zu übertreffen, und Kumpel, sollte ich je aufwachen, dann werde ich in einem Buch so richtig auspacken.

In der Zwischenzeit erzähle ich es schon mal dir.


Die tägliche Serie Komagirl läuft vom 1. Juli bis 31.Dezember.  Die täglichen Episoden nur für 24 Stunden verfügbar also Merker setzen auf Deinem Handy, Computer oder Memo-board um täglich kostenlos bei Komagirl auf dem Laufenden zu bleiben.


Donnerstag, 20. Juli

„Hallo Marigold. Ich bin’s, Dr. Jarvis, erinnerst du dich an mich?“

Natürlich erinnere ich mich an ihn. Er ist verantwortlich für das endlose, pausenlose, unnachgiebige Kammermusiktamtam, das auf der Station täglich zehn bis zwölf Stunden lang läuft. Ich weiß, er hat gesagt, dass klassische Musik die fürs Gehirn stimulierendste sein soll, aber ich bin mir da nicht so sicher.

Außer, das Ziel ist, dass der Patient die Nase so voll hat von der klassischen Musik, dass er dazu getrieben wird, alle verkümmerten Muskeln zusammenzunehmen und aus dem Krankenhausbett zu springen, nur um den verdammten Kanal zu wechseln. Noch ein paar mehr Tage davon und bei allen vieren von uns Gemüsen besteht wohl eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass wir uns erheben und dieses Stockwerk in eine Episode von The Walking Dead verwandeln.

„Okay, Marigold, ich werde einige der Tests wiederholen, die bei deinem EEG durchgeführt wurden, aber diesmal werden keine Elektroden angebracht. Ich werde auf eine körperliche Reaktion von dir achten. Während des gesamten Tests werde ich dir Bescheid geben, was ich mache, und du versuchst einfach nur, irgendwie zu reagieren, okay? Kannst du zur Zustimmung nicken?“

Er ist ein ganz Gerissener, schiebt einen möglichen Durchbruch dazwischen, bevor der Test überhaupt anfängt. Leider kann ich nicht nicken.

„Marigold, kannst du deine Augen öffnen? Mach die Augen auf, Marigold.“

Anscheinend nicht heute.

„Na gut. Ich mache deine Füße frei. Oh, schöne Füße.“

Ich habe in der Tat schöne Füße. Ich hoffte nur sehnlichst, dass mir jemand die Fußnägel geschnitten hatte.

„Okay, Marigold, kannst du mit deinen Zehen wackeln? Sag deinem Gehirn, es soll deine Zehen bewegen, Marigold.“

Ich sage es meinem Gehirn, aber anscheinend hört es nicht zu.

„Okay, lass uns was anderes probieren. Ich werde mit einem Pinsel an der Unterseite deines rechten Fußes entlangfahren. Kannst du das fühlen? Selbst wenn du es nicht fühlen kannst, denk ganz fest daran und versuche, deinen rechten Fuß zu bewegen. Ich fahre entlang …fahre entlang.“

Nada.

„Lass es uns mit einem anderen Instrument probieren. Ich habe eine Metallsonde, die ist nicht scharf genug, um die Haut zu verletzen, aber du solltest einen Stich spüren. Ich drücke sie genau in die Wölbung deines linken Fußes, kannst du sie fühlen? Konzentrier dich fest und sag deinem Gehirn, es soll ein Signal von deinem linken Fuß empfangen.“

Aber mein Gehirn schmollt noch immer, denn es macht nichts von dem, was ich ihm sage.

„Okay, ich gehe zu deinen Händen über, Marigold. Zuerst halte ich deine rechte Hand. Drück meine Hand, wenn du kannst. Sag deinem Gehirn, es soll deiner Hand befehlen, sich zu bewegen, Marigold. Versuch’s nochmal, drück mit der rechten Hand zu.“

Ich schätze, es funktioniert immer noch nicht.

„Okay, jetzt halte ich deine linke Hand. Drück meine Hand, Marigold. Beweg deine linke Hand. Versuch’s noch einmal, drück mit der linken Hand zu.“

Wieder nichts.

Er seufzte, unfähig, seine Enttäuschung zu verbergen. „Keine Sorge, Marigold. Ich gebe dich nicht auf.“

Bevor er das Zimmer verließ, stellte Dr. Jarvis sicherheitshalber den Fernseher lauter. Die Musikkanäle im Fernsehen spielen offenbar Dauerschleifen; es kommt eine Abfolge aus vierzig Liedern in drei Stunden, dann fängt das Ganze von vorne an. Und alles ohne Werbung. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich danach sehnen würde, eine Versicherungs- oder Hundefutterwerbung zu hören, aber das wäre eine willkommene Pause vom Cello.

Ich bin kein totaler Hinterwäldler, also erkenne ich ein paar Stücke von Mozart, Bach und Beethoven, obwohl ich sie in keiner Weise sicher benennen könnte. Aber nachdem ich die gleichen Lieder wieder und wieder (und wieder) gehört habe, habe ich mir die Anfangsklänge jedes einzelnen eingeprägt und kann nun vorhersagen, welches Lied als nächstes gespielt werden wird.

Das ist der einzige Weg, wie ich verhindern kann, dass ich das bisschen Verstand verliere, das ich noch habe. ~

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